Bloggen in der islamischen Welt

29 06 2009

Westliche Massenmedien stellen die Blogosphäre islamischer Staaten gern entweder als Hort finsterer Terroristen oder als Keimzelle der Meinungsfreiheit in autoritär regierten Ländern dar – je nach Bedarf und politischer Großwetterlage. Eine ausführliche Studie des Berkman Center der Universität Harvard präsentiert nun ein Bild jenseits der Stereotypen.

Durch die Proteste gegen das mutmaßlich manipulierte Ergebnis der Präsidentschaftswahl im Iran wurde für die breite Öffentlichkeit deutlich, dass Plattformen wie Twitter, Facebook, YouTube und Blogs auch in der streng kontrollierten Islamischen Republik eine wichtige Rolle spielen – vor allem bei den jungen Hauptstadtbewohnern.

Das Berkman Center for Internet & Society der Uni Harvard in Cambridge hatte schon im April 2008 eine Studie über die Online-Öffentlichkeit im Iran publiziert. Die Studie fand einen großen Diskussionsraum aus 60.000 aktiven Blogs vor, die sich trotz der restriktiven Gesetze des Landes neben Alltagsthemen, Religion und Kultur auch mit Politik beschäftigten.

Studie über arabische Blogosphäre

Nun ist im Rahmen des “Internet & Democracy Project” des Berkman Center, das die Auswirkungen des Internets auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Prozesse behandelt, auch eine Studie über die Blogosphäre im arabischen Sprachraum erschienen, zu der der Iran freilich nicht gehört.

Für die Studie “Mapping the Arabic Blogsphere: Politics, Culture and Dissent” haben die Autoren Bruce Etling, John Kelly, Robert Faris und John Palfrey ein komplexes Netzwerk von Blogs aus mindestens 18 arabischsprachigen Ländern und von Arabisch schreibenden Autoren, die außerhalb ihrer Heimatländer leben, untersucht.

Insgesamt wurden dabei rund 35.000 arabischsprachige Blogs und mehrere tausend Blogs, deren Autoren gemischt auf Arabisch, Englisch und Französisch publizieren, identifiziert. Davon wurde bei den 6.000 meistverlinkten Blogs eine automatische Textanalyse mittels Computerprogramm erstellt, 4.000 Blogs wurden zusätzlich von Menschen kodiert.

Keine Plattform für Terroristen

Die wohl wichtigste Erkenntnis für die US-Studienautoren: Die Blogosphäre im arabischen Raum ist entgegen der zeitweisen medialen und politischen Darstellung im Westen keine Plattform für Terroristen und radikale Islamisten. Von den mehr als 4.000 im Detail untersuchten Blogs äußerten weniger als ein Prozent explizite Unterstützung für Terrorismus, 19 Prozent waren sogar dezidierte Kritiker.

Kritik am Terrorismus ist sogar zweithäufigstes Thema der untersuchten Blogger. Der politische Islam wird ebenfalls nur von einem Prozent der Blogger unterstützt, neun Prozent kritisieren ihn. Eine interessante Erkenntnis der Studie ist auch, dass die USA sowie die Kriege im Irak und in Afghanistan selten Thema der Blogger sind. Wesentlich häufiger beschäftigen sie sich mit der Politik im eigenen Land und der Kritik daran.

Komplexität und Vielfalt

Auffallend ist auch, dass die arabische Blogosphäre keine homogene Erscheinung ist – wie auch der arabische Raum keine Einheit bildet, sondern überaus heterogen ist. Die untersuchten Blogger vernetzen sich vor allem innerhalb der eigenen Länder. Einzig Blogger aus der Levante (Israel, Libanon, Jordanien und Palästinensergebiete) und ihre irakischen Pendants pflegen starke Verbindungen zu Thinktanks, Journalisten und politischen Aktivisten in den USA.

Ein politisches Thema, das die arabische Blogosphäre im Untersuchungszeitraum April 2008 bis März 2009 am meisten interessierte und bewegte, war der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und vor allem die Vorgänge in Gaza. Möglicherweise lag das auch an aktuellen Ereignissen, die grundsätzlich sehr häufig Anlass für Blog-Einträge sind, denn zur Jahreswende 2008/2009 gab es Militäraktionen im Gazastreifen.

YouTube meistverlinkt

Ein interessantes Ergebnis der Studie des Berkman Center ist auch, dass die arabischen Blogger am häufigsten auf die gleichen User-Generated-Content-Websites verlinken wie die Blogger im Rest der Welt. An erster Stelle stehen YouTube und Wikipedia. Das meistzitierte YouTube-Video der arabischen Blogosphäre ist allerdings nicht das eines Comedian oder Popkulturstars, sondern das Musikvideo “We will not go down (Song for Gaza)” des US-Amerikaners Michael Heart, in dem Bombenangriffe, Verwundete und Demonstranten in Gaza zu sehen sind.

An zweiter Stelle der meistverlinkten YouTube-Videos steht jenes vom Schuhwurf des irakischen Journalisten Muntadhar el Saidi auf George W. Bush in Bagdad im Dezember 2008.

Beliebte Themen

Popkultur – also Popmusik, Filme und Fernsehen – ist grundsätzlich selten Thema der arabischen Blogger. Entsprechend den kulturellen Traditionen wird eher über Literatur, Poesie und Kunst diskutiert und kommentiert, viele Blogger veröffentlichen auf ihren Sites auch eigene Gedichte. Ein beliebtes Thema ist auch die Religion, wobei es oft um persönliche Fragen und Erfahrungen geht. Die Auslegung des Koran sowie Kritik an anderen Religionen werden aber eher nur in dezidiert religiösen Blog-Kreisen diskutiert.

Menschenrechte wie Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit sowie die Rechte und Stellung der Frauen sind ebenfalls häufige Themen von Blog-Einträgen – häufiger als in anderen Ländern. Viele Bloggerinnen und Blogger schreiben auch über Privates, meist in Tagebuchform, allerdings eher selten über Beziehungen, Liebe, Kinder und Familie.

An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass Blogs die öffentliche Sphäre der Online-Welt darstellen, und nicht die bedeutendste. Im arabischen Raum beliebter sind Foren, Chatrooms und Soziale Netzwerke, die eine privatere Form des Kontakts zwischen Freunden und Gleichgesinnten bieten.

Mut zur Öffentlichkeit

Der Nahe Osten gilt nach Analyse der Weltbank, der Vereinten Nationen, Freedom House und der Economist Intelligence Unit als am wenigsten frei in Bezug auf Demokratie- und Regierungsindizes. Es sei erstaunlich, dass die Blogger im arabischen Raum trotz eingeschränkter Meinungsfreiheit und obwohl in mehreren Ländern wiederholt einige von ihnen im Gefängnis landeten, in der Mehrzahl (64 Prozent) ihre richtigen Namen verwenden und nur rund 36 Prozent ein Pseudonym angeben oder anonym publizieren, so die Studienautoren.

Wenig überraschend ist hingegen, dass die arabischen Blogger in erster Linie männlich und jung sind. Die Frauen haben in der arabischen Blogosphäre aber immerhin einen Anteil von 34 Prozent, in Saudi-Arabien sogar von 46 Prozent.

Internet-Nutzung bedeutet nicht Demokratie

In ihrer Conclusio schreiben die Studienautoren, dass die westliche Vorstellung, das Internet im arabischen Raum sei von Terroristen bevölkert, genauso wenig stimme wie die Vision anderer, das Internet würde westliche Werte und Demokratie in die arabische Welt tragen. Ihre Untersuchung zeige, dass das Internet tatsächlich politische Bewegungen unterstütze, weil es eine Infrastruktur für Minderheitenmeinungen biete und die politische Mobilisierung vereinfache. Es biete damit eine gute Grundlage für den Wettkampf der Ideen, bevorzuge dabei aber nicht grundsätzlich die demokratischen.

Die Auswirkungen des Internets auf die Zivilgesellschaften und demokratische Prozesse seien wesentlich differenzierter, wie das Beispiel der radikalislamischen Muslimbruderschaft erahnen lasse: Die Muslimbrüder, deren Aktivitäten in Ägypten verboten sind, erweisen sich als sehr aktive Blogger und haben im Web eine Auseinandersetzung über Glauben und Menschenrechte und über Reformen innerhalb der eigenen Bewegung gestartet. Die Studienautoren vom Berkman Center for Internet & Society ziehen daraus einen wesentlichen Schluss: “The Internet does not just promise (or threaten) to change the balance of power among players on the field, it changes the field and changes the players too.”

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